// MATZ UND DIE IMMO-MONSTER

Benko-Junior, die Soravia-Brüder und Bösewicht Mazda-Rainer halten die Stadt in Atem. Sie machen Traumwelten zur privaten Vorsorge. Der Bürgermeister ist verzaubert und verteilt Orden. Verordnungen und Hausordnungen kommen frei Haus. Die sozialen Widersprüche sind ein Dreck. Mach das weg! Die Rahmenbedingungen der unternehmerischen Stadt sind einwandfrei. Ein Nudelauge ist Polizeipräsident: Er will sozial verträgliche Bilder haben. Am Abend fahren die IMMO-Monster mit ihren sperrigen Geländewägen zufrieden nach Hause in ihre Baumhäuser. Erbschaftssteuer ist Scheiße, Natur ist überall.
Wenn der Tag am Hellsten ist klopfen sich die IMMO-Monster gegenseitig auf die Schultern. Sie schütteln Wortneuschöpfungen aus dem Ärmel: „Rundum Leben“ im „Viertel Zwei“. „Naturlebig“ und sehr „Lebensräumlich“ und „Praterluftig“ soll die Geschichte sein. Ein „Milestone“, das „Studio Zwei“, oder „Denk Drei“. Auch ein „Campus“ macht sich immer gut im Portfolio der Landnahme.

Harmlose Wörter? Harmlose Verträge? Harmlose Konzepte? Das Kapital zwingt zur infantilen Sprache, erzeugt das Unsagbare und sortiert die Stadt: am Verkehrsknoten, am neuen Bahnhof, auf der möblierten Shopping-Straße, im Goldenen Quartier der Innenstadt, am Augartenspitz, am Praterstern, beim Kunstfestival: überall geschieht das große Reinemachen, die sanfte Beseitigung sozialer Widersprüchlichkeiten!

KAPITALISMUS IST FÜR IMMER?
Ein pyrotechnischer Satz kann schnell oder träge ablaufen. Im Absolutismus ab dem 17. Jahrhundert - manche sagen Barock - war das Hause Habsburg auf kriegerische Expansion und Disziplinierung der Untertanen eingestellt. Die Herrschaft inszenierte sich gerne mit kunstvollen Feuerwerken. Streng nach Hofzeremoniell. Wozu diese zur Schau gestellte Pulverisierung von wertvollen Stoffen? Einerseits demonstrierte der Hof so seine militärische und wissenschaftliche Stärke. Zum Anderen war im Feuerwerk ein Konzept von Über/Zeitlichkeit angelegt, welches zur Legitimation von Ordnung beitrug. Mit den Feuerwerken, mit brennenden Buchstaben, Allegorien, Figuren, Sinnbildern wurden bedeutsame Hochzeiten abgefeiert, kriegerische Erfolge nachgestellt oder andere denkwürdige Ereignisse publiziert. In der Tagespresse, dem Wiener Diarium wurden die Feuerwerke beschrieben:

"Bald darauf wurde auch auf ertheilte Zeichen mit 32 Kanonen-schüssen der Plan selbst angezündet, welcher nachfolgende allegorische Vorstellung enthielt: Oben erschien in der Mitte die Sonne, und auf der einen Seite etwas niedriger ein Monument mit dem Namenszug Ihro Kaiserl. Majestät. Auf der anderen Seite sah man eine Reihe hoher Berge und im Grunde allerley Gebäude und bewohntes Land; wobey die Sonne ihre Strahlen über die Gipfel der höchsten Berge auf das mit Ihro Kaiserl. Majestät Namen gezierte Monument warf, welches die aufgefangenen Strahlen wiederum auf das bebaute Land zurück fallen ließ, mit der Überschrift: Sie theilet die Gaben aus." (14.Juli 1751 - Wienerisches Diarium)

Die Neuzeit brachte auch eine Flut an Verordnungen. Im Namen von Reinheit und Sicherheit organisierte die "gute Policey" den öffentlichen/privaten Raum und schuf so die Grundlage für einen ungebremsten „commerciellen“ Verkehr. Verordnungen regelten welche Spiele erlaubt waren, wer unter welchen Bedingungen Schauproduktionen, Kunststücke oder musikalische Darbietungen zeigen durfte und wie mit Dreck & Scheiße zu verfahren war. Verordnungen richteten sich gegen Handwerksarbeit im öffentlichen Raum und ganz besonders gegen alle unerwünschten, widerspenstigen oder fahrenden "Subjekte". Es gab Verordnungen gegen Bettelei und Verordnungen zum Verbot von feuergefährlichen Luftballons.

Im bürgerlichen Kunstfeuerwerk das Spektakel seine Fortsetzung. Vor rund 243 Jahren feuerte der Unternehmer Johann Stuwer sein Premierenfeuerwerk auf der Feuerwerkswiese im Prater. Vier Jahre später wurde für „Etwas Besonders auf dem neuen Plaze“ bereits ein großes hölzernen Gerüst errichtet von dem aus in die Luft geschossen wurde- dem Gegenüber saßen auf einer Tribüne tausende zahlende Zuseher und Zuseherinnen. Laternen beleuchteten die Wege, die Show verlief in mehreren „Fronten“ - mittels „Dekorationen“, „Kanonaden“, „Brillantschmuck“, „Fächern“, „Blumenbuketts“ wurden die mythologischen, phantastischen, kriegerischen oder quasi-dokumentarischen Geschichten erzählt. Bewegte Landschaften. Das Publikum war begeistert. „Die Wienerinnen und Wiener erfuhren vom bevorstehenden Feuerwerk durch einen uniformierten Ausrufer, der in Begleitung eines Trommlers und einiger Feuerwerksgehilfen durch die Straßen zog.“

"... das Feuerwerk unter dem romantischen Titel: "Die Natur im Frühlingsleibe" (...) Stuwer malt, und malt schön mit Feuer. Blumen und Blüten, mit dem schönsten, feurigsten Farbenschmelz streut er in das stille Dunkel der Nacht hinein, Sonnen und Sterne läßt er leuchten und selbst die ewigen Sterne am Himmel werden ganz gelb vor Neid, ob diesen schönen, vergänglichen Sternlein auf Erden." (1841, der Humorist)

Worte und Begriffe der Spektakelkunst wurden in der populären Literatur der Zeit aufgegriffen: "Brillantes Lach-Feuerwerk oder Scherzfunken, Lustschwärmer und Witz-Raketen; In sechs lakonischen Fronten und einer imposanten Bon-mots Schluß-Kanonade. Herausgegeben von Vocativus Zündlicht" im Vormärz. Die Rede ist auch von einem Anekdotenfeuerwerk, welches "im Garten des Wiener Volks-Lebens" angezündet werde. Versammelt werden in dem Buch "Komische Erzählungen, Schwänke, Glossen, dramatisierte Szenen, witzige Dialoge, satyrische Ein- und Ausfälle, pfiffige Streiche, Wortspiele, Anekdoten, u.s.w."

Es gab aber auch Kritik (Schimpffeuerwerk?) an den Aufführungen der Familie Stuwer. Der Prater sei an vielen Sonntagen zur Sommerszeit für die "ärmere Klasse" schwerer zugänglich, weil die räumlichen Sperren mit den zu bezahlenden Eintrittspreisen sich negativ auf die allgemeine Zugänglichkeit auswirkten. Die teuren Feuerwerke seien zudem ein Zeichen der Vergnügungssucht und des Luxus. (vgl.: Humorist Nr. 125; 26. Mai 1852)

Seit mehreren Jahren ist das Stuwerviertel in Wien (der ehemalige Feuerwerksplatz) einem Gentrifizierungs-Prozess unterworfen. Finanzschwache Bewohner_innen werden durch finanzstärkere Bewohner_innen verdrängt. Die sichtbaren Zeichen dafür sind Dachausbauten, neue Büros und Geschäftslokale oder die Nachbarschaft der neu gebauten Wirtschaftsuni mit angehängten Eigentumswohnhäusern. Im öffentlichen Diskurs wurde der Stadtteil lange Zeit als heruntergekommen, veraltet, schwierig, schmierig, schmutzig, gefährlich, unmoralisch oder unattraktiv charakterisiert - was wiederum spezifische Verkehrskonzepte, räumliche Zonierung oder auch Zwangsräumungen zur Folge hatte. Das Schlagwort mit dem Stadtmanager_innen, Architekt_innen, Investor_innen, Kreative und andere Expert_innen ihr Handeln rechtfertigen ist "Aufwertung." Aufwertung (sog. "sanfte Stadterneuerung“) wird als universale "Win-Win-Situation" interpretiert. Oder um es in den Worten der Umweltstadträtin zu sagen: "Es soll nicht nur im ersten Bezirk schön sein."

SIE SCHÄTZEN ORDNUNG? WIR NICHT!
Nicht diskutiert werden die kapitalistischen Grundlagen dieses Prozesses. Nicht diskutiert wird der Zusammenhang von Abwertung und Aufwertung, denn die Gentrifizierung (Enteignung) lebt davon, dass Häuser und Grundstücke, (relativ) günstig erworben werden und im Wert (im Sinne einer hohen Rendite) gesteigert werden können. Nicht diskutiert wird, dass oftmals Grundstücke der Öffentlichkeit (ÖBB, Stadt Wien, Verkehrsbauwerke, etc.) günstig an private Eigentümer_innen veräußert werden, was wiederum zur Folge hat, dass immer mehr öffentliche Orte durch private Hausordnungstexte, durch Überwachungskameras, durch sog. Securities oder durch eindimensionale Reinheitskonzepte einer non-konformen und vielfältigen politischen Nutzung entzogen werden.

Diese Transformation funktioniert so gut, weil sie auch im Sinne einer auf Komfort und Sicherheit gestimmten hegemonialen Öffentlichkeit, im Sinne einer unternehmerischen Stadtpolitik und letztlich im Sinne des neoliberalen Kapitalismus ist. "Sie schätzen Ordnung. Wir auch!" plakatiert die ÖBB seit Beginn der "Bahnhofsoffensive" vor zirka 15 Jahren. Sie bringt mit dem Slogan die autoritäre - manche werden sagen postdemokratische - Wende ganz gut auf den Punkt. "Sie schätzen Ordnung", ist nicht als Frage, sondern als Feststellung, als nicht verhandelbar gesetzt. Dafür verweist das Rufzeichen hinter "Wir auch!" darauf, dass man sich tunlichst an die Ordnung zu halten habe - ob diese Ordnung praktikabel sei, für wen diese Ordnung funktioniert, wer die Ordnung mit welchem Interesse erlassen hat, woraus diese Ordnung besteht, ob die Ordnung überhaupt gut ist oder ähnliche - politische - Fragen werden außen vor gehalten. So kann jede Person die dem äußeren Anschein nach (dem Benehmen nach oder der zugeschriebenen Herkunft nach, etc.) nicht in das Bild passt kriminalisiert und aus den halb/öffentlichen Räumen ausgeschlossen werden.

ONE SPARK CAN START A FIREWORK
In der Zwischenzeit wachsen bezaubernde Disteln zum Himmel. Bei einem Glas Kompott studieren die Freund*innen das Handbuch "Lustfeuerwerkskunst. Leichtfaßliche, bewährte Anleitung zur Anfertigung von Lustfeuerwerken insbesondere für Dilettanten und Freunde der Lustfeuerwerkerei (8. Auflage, 1891)". Bei größeren Feuerwerken sei es üblich Transparente und Lampenbeleuchtungen anzuwenden. Beides könne im weiteren Sinne auch als Feuerwerk bezeichnet werden. Die Freund*innen beschließen das FEUERWERK neu zu besetzen.

Das Feuerwerk steht in der ÖBB-Böschung, dort wo zwischen 1704 und dem späten 19. Jahrhundert der Linienwall die äußere Stadtgrenze bildete. Die Grenze diente zur Durchsetzung der absolutistischen Stadtpolitik und besaß als Steuergrenze und als Grenze, an welcher Personenkontrollen durchgeführt wurden eine immense Bedeutung in der wachsenden Residenzstadt.. Durch den Linienwall waren die Vororte von den Vorstädten getrennt, diese wurden sukzessive der Stadt eingemeindeten - die steuerlichen Vorteile außerhalb des Walls führten dort zur Ansiedlung von großen Industrien. Ab Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen schließlich der Verkehr, die Verkehrsarchitektur und die Verkehrsbetriebe gewisse Funktionen der Grenze, insbesondere die Sperr-Funktion. Nur ganz zufällig benannten sich die Verkehrsbetriebe im Zuge der neoliberalen Ausrichtung 1999 in Wiener Linien GmbH & Co KG um.

Trotz der Signifikanz des Linienwalls gibt es kaum ein Nachdenken darüber welche Auswirkungen die Linien für die Stadt besaßen und in welcher Weise Grenzen, Ausschlüsse oder eine ungleiche bis ungerechte Steuerpolitik bis heute fortwirken und den sozialen Raum der Stadt konstituieren.

BAUE MIST!
Zu keiner Zeit ist der bezeichnete "Unfug" ganz verschwunden. Heute gibt sich die neoliberale Ordnung gerne zeitlos und alternativlos. Gleichzeitig passiert die ungeheuerliche Anpassungsleistung der kapitalistischen Ökonomie über gewaltvolle Aneignung, Raub, Ausbeutung oder Enteignung von immer neuen Terrains/Felder... Beide Momente - das Märchen vom IMMER und die strukturelle Gewalt - gilt es ernsthaft und mit Witz zu bekämpfen.

In der Böschung am Matzleinsdorferplatz steht das Feuerwerk. Es steht im Eigentum der ÖBB. Seit einem Jahrzehnt steht das Häuschen leer und die ÖBB betont, es sei nicht mehr zur Verwertung vorgesehen. Die Böschung selber ist mit Disteln und Mohnblumen bewachsen - einmal im Jahr zerhäckselt ein Mitarbeiter der ÖBB mit der Elktro-Sense die schöne Gstetten. Zwei riesige Leuchtreklametafeln hat die ÖBB in die Böschung gepflanzt. Rundherum verläuft ein Zaun.

BAUE WO DU STEHST!
Seit 15 Jahren beschäftigen wir uns intensiv mit der Geschichte und Gestalt, dem Gehalt des Matzleinsdorferplatzes. Wir recherchierten die Geschichte des Verkehrsknotens, organisierten Feste und Ausstellungen, Stadtspaziergänge und Workshops, wir drehten Filme und fotografierten das Feuerwerk immer und immer wieder. Wir pflanzten Gemüse und Disteln, führten ein Zeitzeug_innenprojekt mit ehemaligen Bauarbeitern und Anrainer_innen des Verkehrsbauwerks durch. Seit 15 Jahren machen wir politische Kunst an einem Ort, für den viele nur beiläufige Verachtung übrig hatten. Wir kümmern uns um einen Platz, welcher in den zurückliegenden Jahrzehnten als geschichtsloser und häßlicher Nicht-Ort, als Unort, als Verkehrshölle wahrgenommen wurde. Niemand hat sich um den Platz gekümmert. In wenigen Jahren kommt die U-Bahn zum Matzleinsdorferplatz. Plötzlich regt sich Interesse. IMMO Monster treten auf den Plan. Gleich sind die unnötigen Freiflächen an einen Autohändler verkauft. Ohne mit der Wimper zu zucken wird das Feuerwerk auf der Stelle demoliert.

Wer braucht ein Kulturzentrum, ein Museum, wer braucht einen reflexiven Gehalt, wer braucht einen offenen Platz an so einem Ort?

Seit 15 Jahren besetzen wir das FEUERWERK am Matzleinsdorferplatz. So eine Besetzung kann nicht einfach mit einer Polizei geräumt werden. Ein Albtraum für die IMMO-Monster. Die Freund*innen zünden Witzraketen, pflanzen Disteln, essen Kompott und sammeln Bausteine für eine andere Stadt: Eine gerechte Stadt für alle!
BILD? PDF?